SOLANGE IN KÖLN AM BÜRGERHAUS STOLLWERCK (NETZ 23)

WDR TV BEITRAG

https://www1.wdr.de/fernsehen/lokalzeit/koeln/videos/video-kuenstlerin-katharina-cibulka-zeigt-ihre-arbeit-am-buergerhaus-stollwerck-100.html

SOLANGE versteht sich als partizipatives feministisches Kunst-Projekt im öffentlichen Raum, bei dem Themen vor Ort aufgegriffen und in einem SOLANGE-Satz verdichtet werden. Beispielhaft – und weil es sich um diese Jahreszeit in Köln anbietet – haben Katharina Cibulka und ihr Team in ihrem aktuellen SOLANGE-Satz zwei traditionsreiche Männerbünde herausgegriffen: die Dreifaltigkeit und das Dreigestirn, stellvertretend für die vielen bestehenden Männerbünde weltweit. 

Katharina Cibulka erläutert:

„Wir haben viele Kölner:innen in den Prozess miteinbezogen und interessanterweise waren Karneval und Kirche die großen Themen.“

Ein weiteres turbulentes Corona-Jahr neigt sich dem Ende zu und feministisch bewegte Menschen fragen sich, wohin es uns geführt hat. Wir ziehen Bilanz, schauen zurück und wünschen uns einen vorsichtig optimistischen Blick nach vorne. Wir stellen fest: Um unseren unermüdlichen Optimismus zu nähren, blicken wir auf die kleinen Veränderungen Richtung Diversität – z.B. sehen wir jetzt auf jeder Plakatwand mindestens eine:n Schwarze:n Frau oder Mann, das ist doch schon mal ein Fortschritt! Die Welt stellt sich bunter dar, wir nehmen jetzt auch sogenannte Plus-Size-Models wahr, also Frauen, die eine ganz normale, durchschnittliche Größe haben – Frauen wie du und ich werden sichtbar; wie auch Menschen anderer Hautfarbe. Das ist äußerst positiv. Kritisch hinterfragt die Künstlerin jedoch folgenden Umstand:

„Wenden wir unseren Blick auf die Zentren der Macht, dann sind wir von Diversität noch ein gutes Stück weit entfernt. Männer berufen sich gern auf Traditionen, wenn sie Ausschließungsmechanismen begründen und rechtfertigen wollen; oder sie zitieren historische Schriften als (vermeintlichen) Beleg für ihr Agieren, die wiederum von Männern geschrieben wurden. Feminist:innen arbeiten beharrlich daran, diese irreführenden Scheinkausalitäten zu entflechten und als eine von vielen möglichen Erzählungen zu positionieren. So entsteht Raum für andere Denk- und Handlungsweisen, Ungleichgewichte werden zurechtgerückt. Nun stehen Kirche und Karneval doch an sehr unterschiedlichen Positionen der Männermacht-Skala; dennoch versinnbildlichen sie diese Verknüpfung von Männerbündelei und Traditionsgehabe.“

Unsere Welt ist in rasantem Wandel. Die Digitalisierung, die Pandemie und die Klimakrise haben vieles auf den Kopf gestellt und umwälzend verändert. Umso beharrlicher wird in manchen Mannerbünden starr an sogenanntem Überliefertem festgehalten, als würde eine Öffnung für andere Geschlechter einen Untergang darstellen. 

„In Österreich waren ja auch die weltberühmten Philharmoniker der Meinung, sie würden ihren einzigartigen Klang verlieren, wenn sie Frauen ins Orchester aufnehmen. Dies ist meines Wissens bislang nicht passiert, wenngleich der Anteil an Frauen nach wie vor beschämend gering ist, nämlich derzeit 19 Frauen zu 129 Männern“, führt die Künstlerin einen treffenden Vergleich an.

 Wir sind Männern gegenüber wesentlich toleranter und freuen uns riesig über jeden Einzelnen, der sich z.B. für den Beruf des Kindergarten-Pädagogen entscheidet. Wir hegen auch keinerlei Vorbehalte gegenüber einfühlsamen und tatkräftigen Männern, die sich gerne die unbezahlte Care-Arbeit mit uns teilen möchten“, fügt sie augenzwinkernd hinzu.

Feminist:in zu sein hieße schließlich auch, Visionär:in zu sein. Warum nicht mal ein divers besetztes Dreigestirn mit Frauengarde und tanzendem Mario, der durch die Luft gewirbelt wird? Warum nicht gerade im Karneval mal neue Rollenbilder ausprobieren anstatt die immer gleichen Männer zu sehen, die Frauenrollen verkörpern und hinter Masken die öden Mann-Frau-Klischees bedienen? Warum nicht mal eine Präsidentin an der Spitze einer großen Kölner Karnevalsgesellschaft oder des Festkomitees? Ein frischer Zugang würde dem Motto der Karnevals-Session 2022 „Alles hät sing Zick“ (Alles hat seine Zeit) in zeitgerechter Interpretation gerecht werden. 

Warum nicht mal eine Kardinälin im Göttinnenhaus? Welche Rollen werden Frauen in der katholischen Kirche zugewiesen? Sie dürfen viel Basisarbeit machen, aber keinerlei Machtposition bekleiden. 

„Vielerorts sehen wir, dass es Männern nicht guttut, zu viel Alleinmacht zu haben – sie brauchen dringend ein Gegenüber, ein Korrektiv auf Augenhöhe – und warum sollten das nicht qualifizierte und engagierte Frauen sein?“, meint Cibulka.

Feminismus dürfe kein Kampf sein, sondern ein stetes gemeinsames Hinarbeiten auf eine faire Verteilung der Macht, einer Macht im besten Sinne, also einer verändernden Kraft, die auf alle schaut. Die Hälfte der Menschheit auf selbstgefällige Weise auszuschließen, sei zutiefst anachronistisch, so die Künstlerin. 

SOLANGE macht auf gesellschaftliche Schieflagen aufmerksam, bringt Debatten in Gang und will so zu Veränderung beitragen. 

„Und wenn unsere Botschaft mit einem Reim geschmeidiger zu transportieren ist, dann soll uns dieser Kunstgriff recht sein. Und wenn wir uns die Freiheit nehmen, Kirche und Karneval in einem Satz zu thematisieren, dann mögen die Kölner:innen dies mit ihrem weltbekannten Humor aufnehmen“, fasst die Künstlerin ihre Intention zusammen.

In diesem Sinn freuen wir uns, wenn das pink bestickte Staubschutznetz seine Wirkung auf dem Bürgerhaus Stollwerck voll entfaltet und viele Menschen zum Nach- und Vorausdenken bringt: Come join us in spreading equality!

in Kooperation mit:

Vivian Simbürger (Textilkünstlerin), Tina Themel (Text Editing Deutsch, Kommunikation), Margarethe Clausen (Text Editing English), Marie Themel (Instagram), Claudia Eichbichler (Baustellen Koordination)

Ermöglicht wurde dies mit freundlicher Unterstützung des Kulturamtes der Stadt Köln und des Bürgerhaus Stollwerck.

Wo?

An der eingerüsteten Fassade des Bürgerhauses Stollwerck in der Dreikönigenstraße 23 in Köln

SOLANGE IN KÖLN AM BÜRGERHAUS STOLLWERCK (NETZ 23)

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